Leseproben

#CantDie

aus:  Can you see me in the dark? Todlos Band 3

Der Stream begann mit dem blassen, leicht überbelichteten Gesicht eines Jungen, der sich selbst Reece nannte. Er war erst fünfzehn Jahre alt, hatte schmale, markante Gesichtszüge und einen Blick, der ungewöhnlich reif wirkte. Reece grinste breit in die Handykamera.

Seit drei Tagen drehte sich bei ihm alles um die seltsame neue Realität, von der die Nachrichtenkanäle nicht mehr loskamen. Egal, welchen Sender man einschaltete oder welche Plattform man öffnete, überall wurde über dasselbe gesprochen. Menschen mit tödlichen Verletzungen starben nicht mehr. Sie bluteten, brachen sich die Knochen oder erlitten Verbrennungen, die niemand hätte überleben dürfen, und trotzdem standen sie danach auf und gingen weiter, als wäre nichts geschehen. 

Reece hatte diese Entwicklung sofort für sich entdeckt. Seine früheren Streams waren vergleichsweise harmlos gewesen. Sie hatten ihm eine kleine, aber treue Zuschauerschaft eingebracht. Meist reagierte er auf virale Videos aus dem Internet, spektakuläre Challenges oder andere riskante Aktionen, mit denen Leute versuchten, Aufmerksamkeit zu erregen.

Doch seitdem sprach Reece von nichts anderem mehr als von diesem Phänomen. Seine Followerzahl war in dieser kurzen Zeit explodiert, auch wenn er von einer halben Million Abonnenten noch weit entfernt war. 

Heute wollte er gemeinsam mit drei anderen Jugendlichen den endgültigen Beweis liefern, ob an den Gerüchten wirklich etwas dran war.

»Für alle, die denken, das wäre Fake …« 

Er schwenkte das Handy herum. Der Strom aus Autos, Transportern und Lastwagen raste mit weit über hundert Stundenkilometern an ihm vorbei. Das Dröhnen der Motoren verschluckte beinahe seine heisere, aufgeregte Stimme. 

»Wir stehen an vier verschiedenen Schnellstraßen im ganzen Land. Die anderen sind schon live. Die Links findet ihr in der Beschreibung. In fünf Minuten laufen wir gleichzeitig los. Mitten durch den Verkehr. Also bleibt dran.«

Die Gruppe hatte die Aktion am Vortag angekündigt. Jeder der vier Jugendlichen streamte zeitgleich von einer anderen Schnellstraße irgendwo in England aus. Über soziale Medien waren die Übertragungen miteinander verlinkt worden. Wer Reece‘ Hauptstream verfolgte, konnte zwischen den einzelnen Kameras wechseln, oder alle vier gleichzeitig ansehen.

Tausende Zuschauer warteten auf den Moment, in dem die Jugendlichen beweisen wollten, dass der Tod tatsächlich aufgehört hatte zu existieren. 

Die Zuschauerzahlen explodierten jetzt. 

Der Chat raste nur so über den Bildschirm. 

DarkBritishOrbit: Echt jetzt? Nie im Leben.

Maxstreams: Ihr kneift doch eh.

Mia08: KI. 100% 🥱🥱

DefinitelyNotHere: NO WAY 💀

TaxPayer_12: Macht endlich.

 

Reece lachte. »Genau deswegen sind wir hier.«

Er klemmte sein Handy in die Halterung des Stativs und überprüfte kurz den Bildausschnitt. Zufrieden richtete er die Kamera ein letztes Mal aus. 

Im Hauptstream erschien inzwischen die gemeinsame Ansicht aller Übertragungen. Das Bild war in vier Fenster geteilt. Reece kannte die anderen lediglich aus dem Internet. Oben links stand Liam, ein drahtiger Sechzehnjähriger mit kurz geschorenen Haaren. Daneben war Chloe zu sehen, ein blondes Mädchen mit Pferdeschwanz. Unten links wartete Samir, ein schmaler Vierzehnjähriger mit Brille. Im letzten Fenster erschien Reece selbst. 

Alle standen an stark befahrenen Schnellstraßen. Jeder hatte sein Handy auf einem Stativ aufgebaut und so eingestellt, dass jede Bewegung perfekt zu sehen war.

Die Zuschauerzahl überschritt inzwischen die Hunderttausend.

»Also gut. Das ist der Moment, auf den ihr gewartet habt«, sagte Reece. Seine Stimme war fest und klang beinahe feierlich. »Ich zähle gleich runter. Wenn wir danach noch leben … dann wisst ihr Bescheid und könnt aufhören von Zufällen zu reden.«

Das Mädchen im rechten oberen Fenster hob den Daumen. Auf ihren Lippen lag ein entschlossenes Lächeln.

Der Nachrichtenstrom riss nicht ab.

MomSaidNo: Alter, macht das bloß nicht!

EduarX: Los jetzt!

Riona2205: Fake!!!!!

BlueViper: Ihr werdet alle sterben😵‍💫.

FireStorm73: WAS ZUR HÖLLE. 🚨🚨🚨

Lara2012: Ihr seid doch krank😮.

DeadBatteryUK:🔥Geile Idee🔥.

JM69: LOOOS!

 

Reece hob die Hand.

»Drei.«

Aus allen vier Streams war das Dröhnen der Motoren zu hören. 

»Zwei.«

Die Jugendlichen traten bis an den Rand der Fahrbahn. Sofort war lautes Hupen zu hören. Der Fahrtwind vorbeirasender Fahrzeuge zerrte an ihren Kleidern. Ein Lastwagen donnerte so dicht an Samir vorbei, dass ihn der Luftdruck beinahe von den Beinen riss. 

»Eins.«

Die Handykameras filmten alles gnadenlos mit. Sie zeigten die Jugendlichen von hinten, die Schnellstraßen vor ihnen und die heranrasenden Fahrzeuge.

Für einen Augenblick schien die Zeit stillzustehen.

Dann liefen alle gleichzeitig los.

Im nächsten Moment brach das Chaos los.

Mehrere Fahrer traten gleichzeitig auf die Bremse. Die ersten Autos versuchten noch verzweifelt auszuweichen. Über die Fahrbahnen lief eine Welle panischer Reaktionen. Bremsen quietschten schrill auf dem Asphalt und hinterließen dunkle Spuren. Aus den überhitzten Rädern stieg beißender Rauch auf. Hupen schrillten in einem ohrenbetäubenden, chaotischen Chor, während rote Bremslichter, in einem wilden, unregelmäßigen Rhythmus aufflammten und die gesamte Fahrbahn in flackerndes Licht tauchten.

Ein silberner Lieferwagen erfasste Liam frontal. Der Aufprall schleuderte ihn mehrere Meter durch die Luft, bevor er mit dem Rücken auf die Motorhaube eines Kombis krachte. Das Blech der Haube beulte sich deutlich ein. Als Liam auf dem Asphalt aufschlug, lag er verdreht da. Seine Beine waren unnatürlich abgewinkelt und der Schädel an der Seite eingedrückt. Er blieb reglos liegen.  

Chloe kam nur wenige Schritte weit. Dann erfasste sie ein Van. Die Wucht des Aufpralls schleuderte ihren Kopf hart gegen die Windschutzscheibe und hinterließ ein Spinnennetz aus Rissen. Sie wurde weitergeworfen und prallte gegen einen zweiten Wagen. Als sie auf die Fahrbahn zurückgeschleudert wurde, hatte sich ihr blonder Pferdeschwanz dunkelrot verfärbt. 

Samir schaffte es bis auf die mittlere Spur. Ein schwerer Transporter erwischte ihn seitlich. Er wurde brutal herumgerissen und verschwand sofort unter den großen Rädern eines Jeeps mit Anhänger.

Reece selbst wurde von einem Sattelzug erfasst. Der LKW zog ihn direkt unter das Führerhaus. Für einen kurzen Moment war er nicht mehr zu sehen. Als der Sattelzug endlich zum Stehen kam, ragte Reece‘ zerfetzter Oberkörper halb hinter einem der Räder hervor. Sein Gesicht war bis zur Unkenntlichkeit entstellt.

Mehrere Fahrer verloren in Panik die Kontrolle über ihre Fahrzeuge. Autos schlitterten unkontrolliert, krachten in die Leitplanken oder ineinander. Kettenauffahrunfälle waren die Folge. Innerhalb von Sekunden verwandelten sich die Schnellstraßen in rauchende Trümmerfelder aus verbeultem Blech und zersplitterten Glas.

Der Chat verstummte. Für ein paar endlose Sekunden schrieb niemand etwas.

Die Zuschauerzahl stieg unaufhaltsam weiter und näherte sich der 400.000-Marke.

Auf allen vier Schnellstraßen begannen die Menschen aus ihren Fahrzeugen auszusteigen. Türen flogen auf. Einige Fahrer rannten herbei, um zu helfen, andere standen einfach nur starr vor Entsetzen da. Überall waren hektische Stimmen zu hören. 

»Wir brauchen sofort einen Rettungswagen!« 

Mehrere Personen telefonierten gleichzeitig. In der Ferne heulten bereits die ersten Sirenen.

Ein Mann kniete neben Chloe und redete ununterbrochen auf sie ein, obwohl offensichtlich war, dass sie nicht mehr lebte. Um das Mädchen herum hatten sich weitere Menschen versammelt. Einige hatten die Augen weit aufgerissen oder die Hand vor dem Mund geschlagen. Es war ihnen deutlich anzusehen, dass sie sich in Schockstarre befanden. 

Plötzlich zuckte einer von Chloes Fingern. Zunächst bemerkte es niemand. Doch dann bewegte sich ihre Hand erneut. Der Mann verstummte mitten im Satz. Chloe öffnete die Augen und starrte einen Moment verwirrt in die Menge. Sie blinzelte mehrmals. Langsam richtete sie den Oberkörper auf. Die Umstehenden wichen erschrocken zurück. 

Als sie zur Handykamera blickte, wurde das ganze Ausmaß des Unfalls sichtbar. Die rechte Gesichtshälfte war eine einzige blutige Ruine. Das Auge war kaum noch zu erkennen. Die tiefe, klaffende Platzwunde an der Schläfe war so brutal aufgerissen, dass man das weiße Schimmern des Schädelknochens darunter erahnen konnte. Zwischen den blutverklebten Strähnen hingen Glassplitter. Ihre Kleidung war an mehreren Stellen zerfetzt, darunter sah man tiefe Schürfwunden und Prellungen. Trotz allem wirkte ihr Blick klar und wach. Dann hob sie den Daumen.

Im Chat explodierten die Kommentare.

Doch Chloe war nicht die Einzige. Im Stream von Liam lag der Sechzehnjährige mehrere Meter entfernt von der Stelle, an der ihn der Lieferwagen erfasst hatte. Um ihn herum standen Menschen, die ihn eben noch für tot gehalten hatten. Einer der Männer zeigte auf ihn. »Er bewegt sich!« Einige schrien auf. Liam rollte sich auf die Seite und stemmte sich hoch, scheiterte jedoch, da seine Beine nicht mitspielten. Schließlich kroch er vorwärts. Die Menschen wichen zurück.

Seine Bewegungen wirkten unsicher, als müsse sein Körper erst begreifen, wie er funktionierte. Schwankend kam er auf die Beine. Die Menschen wichen zurück.

Samir zog sich an einem Wagen nach oben. Der Vierzehnjährige blinzelte und kniff die Augen zusammen. Seine Brille war irgendwo auf die Fahrbahn geschleudert worden. Offensichtlich hatte er Schwierigkeiten, die Kamera überhaupt zu erkennen. Schließlich blieb sein Blick am Handy hängen. Er grinste schief. 

Reece lief inzwischen schwankend auf die Kamera zu. Vereinzelte Schreckensschreie waren zu hören. Menschen starrten ihm entsetzt hinterher. Sein Körper war nur noch eine Ruine. Der Sattelzug hatte ihn regelrecht zermalmt. Der Brustkorb war tief eingedrückt, mehrere Rippen ragten wie blutige Stacheln durch das aufgerissene Fleisch. Ein Arm baumelte nur noch nutzlos hin und her. Dennoch schleppte er sich weiter. Reece griff mit einer halbwegs noch intakten Hand nach dem Handy und riss es aus der Halterung. Er hielt die Kamera direkt vor sein entstelltes Gesicht. Die Wangenknochen waren sichtbar gebrochen, das rechte Auge halb herausgedrückt. Seine Nase war plattgewalzt und zur Seite verschoben. Dennoch war der Blick fiebrig und triumphierend. »Jetzt habt ihr euren Beweis.« Seine Stimme klang brüchig und wurde von einem feuchten Keuchen begleitet, da die Luft hörbar durch zerfetzte Atemwege und zertrümmerte Rippen gepresst wurde. »Der Tod ist tot, meine Freunde.

Der Stream hatte inzwischen die Millionengrenze überschritten.

Weniger als zehn Minuten später brachen die Übertragungen ab. Zunächst verschwanden die einzelnen Streams. Dann wurden ganze Accounts gesperrt. Plattformen löschten Videos im Minutentakt. Suchbegriffe wurden blockiert, Links deaktiviert und Aufzeichnungen entfernt.

Doch es war längst zu spät. Noch bevor die ersten Videos verschwanden, hatten Tausende Zuschauer Bildschirmaufnahmen erstellt. Ausschnitte der Übertragungen tauchten auf anderen Plattformen wieder auf. Als sich die Nacht über das Land legte, war aus einem Livestream etwas viel Größeres geworden.

©Urheberrecht. Alle Rechte vorbehalten.

Information icon

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.